Der Unterschied von Hühnern und Katzen

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Zu den ungelösten Fragen, über die sich die Menschheit seit Jahrtausenden den Kopf zerbricht, gehört das Henne-Ei-Problem. Daran haben sich schon Aristoteles und Goethe die Zähne ausgebissen, und wenn sich seit Darwin die ganze Fragestellung als falsch erwiesen hat – natürlich gibt es weder ein Ur-Ei noch eine Ur-Henne –, so beantwortet das die philosophische Frage ja trotzdem nicht.

Möglicherweise deshalb haben wir die Frage auch in der Technologie wieder auf dem Tisch. Was war zuerst: das Bedürfnis oder die Technologie? Treibt die Technologie die Bedürfnisse oder ist es umgekehrt? Als einst das Auto erfunden wurde, gab es da ein Bedürfnis nach Autos? Vielleicht gab es ein Bedürfnis nach besseren Kutschen, aber nach Autos? Wohl kaum. Hat die Menschheit nach Bluetooth oder nach SSDs verlangt? Solange es die Dinge gar nicht gibt, wird man schwerlich ein entsprechendes Bedürfnis identifizieren können. Anders als beim Geflügel ist die Frage hier also klar zu beantworten: die Technologie muss den ersten Schritt machen und präsentieren, was möglich ist. Aber wenn sich nicht zügig ein Bedarf einstellt, werden diese Dinge schnell wieder in der Versenkung verschwinden. Erfindermessen begeistern ihre Besucher regelmäßig mit unglaublichen Wunderwerken, die aber in der Regel mehrheitlich auf kein Bedürfnis treffen – und die dann bei der nächsten Erfindermesse schon wieder vergessen sind.

Tatsächlich besteht eine enge Wechselwirkung zwischen Bedürfnissen und Technologien, beide Seiten regen sich gegenseitig an. So gab es vor fünfzehn, zwanzig Jahren noch kein Bedürfnis nach Smartphones, man war froh, wenn man unterwegs überhaupt telefonieren konnte. Niemand hatte damals das Bedürfnis, an der Bushaltestelle Bücher zu kaufen oder Katzenvideos anzuschauen. Kaum aber gab es die Smartphones, wollte jeder eines haben, und dann dauerte es nicht mehr lange und die Nutzer wollten auch an der Bushaltestelle Bücher kaufen oder eben Katzenvideos anschauen. Hinterher sieht es dann wirklich so aus, als hätte die Menschheit genau darauf gewartet.

Es ist also die Technologie, die immer wieder neue Möglichkeiten schafft. Und die Menschen springen darauf an, wenn dabei etwas getroffen wird, von dem sie glauben, dass es sie weiterbringt. Natürlich passiert es immer wieder, dass sie nicht anspringen, dass sich kein Bedürfnis einstellt, obwohl Unternehmen die betreffenden Neuheiten mit großem Aufwand in den Markt bringen wollen. Dann erweist sich eine Technologie auch mal als Sackgasse. Erinnert sich noch jemand an die Video-Disk? Niemand ist darauf angesprungen, weil die Sache zu umständlich und zu teuer war – insofern ist die Video-Disk zurecht vergessen.

Es ist für mich immer wieder faszinierend zu sehen, wie die technische Entwicklung neue Möglichkeiten eröffnet, wie Dinge zum Bedürfnis werden, an die man vorher nicht im Traum gedacht hätte; geschweige denn, dass man sie als unverzichtbare Bestandteile des Lebens betrachtet hätte. Wo haben wir früher, als es noch kein Web gab, bloß unsere Katzenvideos herbekommen? Konnte man leben ohne Katzenvideos?

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