Im Land der Erfinder und Ingenieure

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Forschungsstandort Deutschland

Jedes Jahr wenn im Oktober die Nobelpreisträger bekannt gegeben werden, wird hierzulande Enttäuschung laut – denn meist ist wieder keiner „von uns“ dabei. Auch das trägt zu dem Eindruck bei, dass Deutschland, das sich ja nicht nur als das Land der Dichter und Denker, sondern auch als Land der Ingenieure weltweit einen Namen gemacht hat, als Forschungsstandort abgehängt wird.

Bei den digitalen Märkten mag das ein Stück weit so sein – auch wenn Facebook nicht die Welt und Google nicht die Digitalisierung ist – aber was den Forschungsstandort Deutschland betrifft, ist die Lage nicht so düster, wie sie mitunter gezeichnet wird. Zumindest was die Zahlen betrifft: Staat, Wirtschaft und Wissenschaft haben ihre Ausgaben für Forschung und Entwicklung (F&E) in den letzten Jahren kontinuierlich gesteigert; 2016 wurde ein Rekordwert von über 92 Milliarden Euro erreicht, wovon zwei Drittel auf die Wirtschaft entfielen. Auch für sie ist das ein Rekordwert. Deutschland zählt zu den zehn forschungsintensivsten Volkswirtschaften weltweit.

Das Land der Erfinder und Ingenieure ist also noch immer das Land der Erfinder und Ingenieure. Aber Budgetzahlen sind nicht alles. Ich habe vielmehr den Eindruck, dass die F&E-Investitionen nicht immer dorthin gehen, wo es wirklich nötig wäre – Stichwort Dieselmotor. Da hat man offenbar jahrelang geforscht und entwickelt, um am Ende mit vollem Tempo in eine Sackgasse zu brausen. Es sieht mittlerweile so aus, als wäre Diesel doch nicht die Technologie der Zukunft. Und jetzt? Wird mit großem Eifer nach Lösungen gesucht, um den Diesel doch noch irgendwie zu retten. Gleichzeitig zeichnet sich in derselben Branche ein deutlicher Rückstand bei Themen wie Elektromobilität oder Autonomes Fahren ab. Vielleicht wäre es nicht verkehrt gewesen, gleich in die Erforschung von digitalen Zukunftstechnologien zu investieren.

Überhaupt muss Hightech nicht immer Automobil-Tech sein; eine gewisse Fixierung auf diesen Industriezweig ist hierzulande schon festzustellen. Ob aber bessere – noch bessere – Autos unsere Städte vor dem Verkehrskollaps bewahren können? Da habe ich meine Zweifel. Wird an echten Alternativen geforscht? Bestimmt, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass es nicht in dem Umfang geschieht, in dem am – diesmal wirklich – zukunftssicheren Dieselmotor geforscht wird.

Freilich habe ich auch Zweifel, ob Ideen wie Elon Musks Hyperloop wirklich die Antwort auf die Herausforderungen des Verkehrswesens sind. Aber wenn man in der Forschung immer schon am Anfang alles wüsste, müsste man ja nicht forschen. Immerhin hat eine Studentengruppe der Technischen Universität München sich erfolgreich an einem Hyperloop-Wettbewerb beteiligt und eine Rekordgeschwindigkeit von 467 km/h erreicht. In meinen Augen ein typischer Fall: Wenn etwas angepackt wird, sind Forscher und Forscherinnen aus Deutschland Spitze, da macht ihnen so schnell keiner was vor. Aber ein Hyperloop-Rekord macht halt kein neues Verkehrswesen. Diese Forschung einer kleinen Studentengruppe bleibt ein einsames Insel-Projekt und eine Integration in einen strategischen Ansatz ist für mich nicht erkennbar. Und währenddessen forschen – sorry, aber ich muss einfach ein wenig darauf herumreiten – Tausende hochqualifizierter Ingenieure weiter am Diesel herum.

Hyperloop ist natürlich auch wieder eine dieser Ideen aus den USA, was ja immer für einen gewissen globalen Glanz sorgt. Und was bietet hier das Land der Erfinder außer einem Geschwindigkeitsrekord? Nein, nicht nichts, denn es ist fast noch schlimmer: Anfang des Jahrtausends hat nämlich ein Professor der Ruhruniversität Bochum ein automatisiertes unterirdisches Transportsystem für Fracht entwickelt. cargoCap funktioniert ähnlich wie Hyperloop nur langsamer und für Güter statt für Menschen, und es ist natürlich nicht ganz so cool, weil der Erfinder nicht Elon Musk heißt sondern Professor Stein. Trotzdem ist es eine geniale Idee: Güter fahren nicht gemeinsam mit den Menschen auf den Straßen herum, sondern werden wie Rohrpost in einem unterirdischen Tunnelsystem verschickt – kein Verkehrskollaps, keine LKW-Staus, keine ruinierten Brücken, kein Lärm, keine Luftverschmutzung, keine Fahrverbote – ein Traum. cargoCap wurde öffentlich gefördert, von der Initiative „Deutschland – Land der Ideen“ ausgezeichnet – und ist heute weitgehend vergessen. Wikipedia meldet dazu lapidar: „Das Forschungsteam sucht aktuell nach einem Industriepartner zwecks Realisierung einer Pilotstrecke.“ Ja, auch das ist Forschung im Land der Erfinder und Ingenieure: tolle Idee und am Ende nichts in der Hand. Möglicherweise hätte es ja gar nicht funktioniert, aber cargoCap war dem Forschungsstandort Deutschland nicht mal einen Negativbescheid wert. Und das bei einem Problem, das wirklich unter den Nägeln brennt. Vielleicht hätte der Professor einen Dieselmotor einbauen sollen.

Da zeigt sich: Ohne praktische Umsetzung ist auch Forschung nur eine halbe Sache und oft nicht mal das. Ein Forschungsstandort funktioniert auf Dauer eben nur als Innovationsstandort. Und an diesem Punkt ist vor allem die Wirtschaft in der Pflicht. Sie muss den zahlreichen guten Ideen der Forscher eine Basis zur Verfügung stellen, und zwar nicht nur für die Optimierung alter Ideen – nein, ich spare mir hier das D-Wort – , sondern für die Realisierung neuer Ideen: Wir brauchen auf so vielen Gebieten neue Konzepte, und zwar nicht nur in den Laboren und Hörsälen, sondern draußen im wirklichen Leben: auf den Straßen, in den Krankenhäusern, in den Schulen, an den Arbeitsplätzen, auf Äckern und Wiesen, überall.

Man sollte natürlich nicht immer nur was von den anderen fordern. Auch Dell EMC engagiert sich in der Forschung und bei der Umsetzung von Forschung. Und ja, ich engagiere mich dabei persönlich: Als Mentor unterstütze ich die Hochschule Ravensburg bei der Entwicklung innovativer Technologien wie Eyetracking und autonome Fahrsysteme, wobei Forschung und Lehre gleichermaßen berücksichtigt werden. Wir führen mit den Master-Studenten der Hochschule Workshops durch zum Thema Digitalisierung in Wirtschaft und Technik sowie Breakout Sessions zu den Themen Banking, Insurance, Mobility, Telecommunications, Manufacturing. Das Ziel unseres Mentoring ist letztlich, dass die jungen Forscher nicht am Ende ebenfalls mit leeren Händen dastehen, sondern mit realen Innovationen.

Lösen wir damit Zukunftsprobleme? Mit Eyetracking und autonomen Fahrsystemen? Das wird sich zeigen – wie gesagt: wenn man es vorher wüsste, wäre es keine Forschung. Für mich ist dieses Mentoring eine wertvolle Anregung, weil Studenten und Wissenschaftler schon ein wenig anders ticken als wir das in Unternehmen gewohnt sind. Ich denke, das muss so sein, wenn man kreativ an neuen Ideen arbeitet. Und wir können und sollten von dieser Kreativität auch etwas mitnehmen. Weil wir, „die Wirtschaft“, dafür sorgen müssen, dass aus den Ideen der jungen Nachwuchsforscher wirklich Innovationen werden. Sonst nützen all die Rekordwerte bei den diversen Forschungsbudgets recht wenig.

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