Stillstand ist Rückschritt. Und Rückschritt ist was?

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Die Globalisierung mit all ihren Vorteilen hat einen inhärenten Nachteil: Sie verschärft den Wettbewerbsdruck und zwingt Unternehmen, immer besser und immer effizienter zu werden – und zwar immer schneller. Betroffen sind nicht nur die Firmen, die ihre Produkte und Dienstleistungen auf internationaler Bühne vermarkten, denn Globalisierung heißt auch, dass Wettbewerber aus dem Ausland den heimischen Markt abgrasen wollen. Der schärfste Konkurrent kommt nicht mehr unbedingt aus Bochum oder Filderstadt, sondern aus Cincinnati oder Bangalore. Das ist durchaus so gewollt, und all die Handelsabkommen sehen in diesem Modell eine makroökonomische Win-Win-Situation. Spätestens seit den Wirren rund um den Brexit ahnen wir zumindest, welche dramatischen Folgen eine Wirtschaft ohne vernünftiges Handelsabkommen haben kann.

Das digitale Zeitalter hat die globale Wettbewerbssituation noch verschärft. Wer hätte vor ein paar Jahren gedacht, dass ein Händler aus Hangzhou sich zu einem der weltweit größten E-Commerce-Anbieter entwickeln und auch in Deutschland T-Shirts, Lockenwickler und Gartenmöbel, aber auch Maschinenteile für die Fertigungsindustrie verkaufen würde? Wo ist überhaupt Hangzhou?

Es gibt eine vielversprechende Antwort auf den zunehmenden globalen Wettbewerbsdruck: Sie heißt Digitale Transformation. Wir wissen alle, wofür sie steht – nämlich für Prozessoptimierung, beschleunigte Produktentwicklung, Kostensenkung, bessere Kundeninteraktion und eine höhere Marktagilität. Die globale Wirtschaft hat erkannt, dass die Digitalisierung keineswegs eine Option darstellt, sondern die unbedingte Voraussetzung geworden ist, um sich auf den internationalen Märkten durchzusetzen.

Doch hier fängt es erst an, spannend zu werden.

Ich will es einmal mit den Worten der aktuellen Marktstudie von Dell Technologies ausdrücken, dem Digital Transformation Index (DTI) : „Trotz der unaufhaltsamen Entwicklung hin zu einer digitalen Welt sind die Transformations-Programme vieler Unternehmen noch in den Kinderschuhen.“

Das ist ziemlich nett ausgedrückt. Die Befragung von 4.600 Business-Entscheidern auf der ganzen Welt hat gezeigt, dass lediglich fünf Prozent der Unternehmen sich zur Gruppe der sogenannten Digital Leader zählen, ihre DNA also mit Digitalisierung durchdrungen sehen. Ein Viertel der Unternehmen denkt, auf dem richtigen Weg zu sein, hat konkrete Digitalisierungspläne und auch schon Budgets allokiert, aber mehr als 70 Prozent schreiten nur zögerlich voran, probieren zaghaft herum oder warten einfach nur ab, weil sie offenbar keinen akuten Handlungsbedarf sehen.

Seit vielen Jahren beschäftigt sich die Wirtschaft schon mit der Digitalen Transformation, und jetzt das. Fünf Prozent! Sicher, es gibt große Hürden auf dem Weg zur Neuaufstellung der IT (denn darum geht es ja im Grunde). Allen voran zählen dazu die fehlenden Budgets – das K.O.-Kriterium par excellence. Viele Unternehmen haben auch Bedenken, weil sie glauben, kritische Kundendaten nicht mehr sicher speichern zu können, und wissen nicht, wie sie sich nach einem Digitalisierungsprozess wirkungsvoll vor Cyberattacken schützen könnten. Ein gravierendes Problem ist auch die fehlende In-house-Expertise: Der Arbeitsmarkt stellt einfach nicht ausreichend IT-, geschweige denn IT-Sicherheitsprofis zur Verfügung. Und dazu kommt dann noch ein nicht immer greifbarer Kulturwandel, der notwendig ist, um die Digitale Transformation erfolgreich voranzutreiben: Die interdisziplinäre und abteilungsübergreifende Zusammenarbeit zum Beispiel, die viele abschreckt, weil sie ihre liebgewonnenen Pfründe durch virtuelle Projektteams gefährdet sehen.

Die gute Nachricht: Das Bewusstsein ist vorhanden, schließlich glaubt die überwältigende Mehrheit der in der DTI-Studie Befragten, dass die Digitale Transformation in ihrem Unternehmen eine deutlich größere Rolle spielen sollte. Andererseits befürchten auch viele, den neuen Anforderungen ihrer Kunden nicht mehr gerecht werden zu können. Jeder Dritte sieht übrigens schwarz und ist der Meinung, im digitalen Zeitalter abgehängt zu werden.

Dass die Digitale Transformation ein komplexer Prozess ist, ist keine neue Erkenntnis. Die radikalste Anforderung ist vielleicht die Notwendigkeit für das Management umzudenken und alte Muster und Prozesse in Frage zu stellen. Eigentlich ist das eine Selbstverständlichkeit – eigentlich. Aber die Realität ist halt oft eine andere. Wie auch immer, die Digitalisierung darf nicht scheitern, denn ohne sie scheitern auch die Unternehmen: Die Märkte sind unerbittlich. Fehlende Budgets ändern an diesem Mechanismus nichts, schließlich muss eine Organisation in der Lage sein, Budgets zugunsten der Digitalen Transformation umzuschichten, auch wenn das früher nie getan wurde. Sie muss auch in der Lage sein, sich wirkungsvoll gegen Cyberangriffe zu schützen, weil sie gar keine andere Wahl hat – egal, ob bereits ein Digitalisierungsprozess angestoßen wurde, oder nicht. Und sie muss in der Lage sein, den richtigen externen Partner zu finden, wenn die interne Expertise nicht ausreicht.

Fünf Prozent Digital Leader, das ist nicht viel, aber allein genommen sicher ein guter Anfang. Im Kontext mutet die Zahl allerdings bedenklich an, denn in der ersten Erhebung des Digital Transformation Index vor zwei Jahren gab es genau – fünf Prozent Digital Leader. Kein Fortschritt innerhalb von zwei Jahren, das ist in der IT-Welt ein massiver Rückschritt! Mehr noch: Bei deutschen Unternehmen sank die Quote sogar von 6 auf 5 Prozent. Wenn Stillstand Rückschritt ist, was ist dann Rückschritt?

Kein Grund, den Kopf in den Sand zu stecken. Aber angesichts des immer schärfenden Wettbewerbs und der immer größer werden Anzahl von digital bewanderten Start-ups, die agiler und erfolgreicher denn je die Märkte adressieren, sollten Unternehmen bei der Digitalisierung schleunigst den nächsten Gang einlegen. Wie die DTI-Studie es formuliert: „The time to act is now.”

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