Technikfeindlichkeit im Lande der Ingenieure?

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Dass in Deutschland eine große Skepsis gegenüber der Technik herrscht, ist fast schon ein Allgemeinplatz. Mitunter ist von Technikfeindlichkeit im Lande der Ingenieure die Rede, von „Technophobia“ oder, wie News­week vor einiger Zeit spottete, von „German techno-angst“. Wenn es um Technik geht, wird der Deutsche misstrauisch, mit neuen Technologien braucht man ihm gar nicht erst zu kommen, er hält sich lieber an Sachen, die er kennt und vor denen er sich nicht fürchten muss. Als „Bedenkenträger“ hat es diese traurige Figur sogar zu einem Sprachdenkmal gebracht.

Die „deutsche Technikfeindlichkeit“ begleitet mich nun schon seit Jahrzehnten: In Artikeln und Kommentaren, Vorträgen und Diskussionen tausendfach zitiert, war sie auf die eine oder andere Weise immer präsent. Wir galten schon immer als das Land der Technikmuffel, während andere mit fantastischen Dingen wie PC, Internet, Cloud Computing, Internet der Dinge und Pokémon ihren Spaß hatten.

Aber Stopp. Irgendwas stimmt an diesem Bild nicht. Kann ein Land voller Technikmuffel und -skeptiker wirklich über Jahrzehnte in der nicht so ganz unwichtigen Disziplin Export einen Weltrekord nach dem anderen einheimsen? Dazu passt eine Nachricht des Handelsblatts vom Februar: „Rekordjahr Nummer vier für deutschen Export. Deutschland führte Waren im Wert von fast 1300 Milliarden Euro aus“. Und diese 1.300 Milliarden schafft der x-fache Exportweltmeister ja nicht durch die Ausfuhr von Kartoffeln oder Haselnüssen, sondern zu einem Großteil durch hochwertige Industrieprodukte. Diese technischen Produkte sind offenbar so gut, dass sie in allen Ecken der Welt begehrt sind. 1.300 Milliarden, das muss erst mal zusammenkommen. Technische Spitzenprodukte aus einem Land, in dem Technik angeblich nicht viel gilt? Aus einem Land der Technikfeinde? Wie soll das denn funktionieren?

Exportstatistiken sind das eine, persönliche Erfahrungen etwas anderes. Ich komme viel zu Unternehmen, gerade auch zum Mittelstand. Ganz ehrlich: Technikmuffel habe ich dort noch nie angetroffen, im Gegenteil. Die technische Kompetenz dort ist beeindruckend, und mit Initiativen wie Industrie 4.0 sind gerade diese mittelständischen Unternehmen ganz vorne mit dabei bei der Umsetzung der Digitalisierung. Deutscher Mittelstand und Technikmuffel – also bitte.

Im privaten Bereich sieht es nach meiner Erfahrung nicht viel anders aus: Die Adaption von Streaming-Diensten wurde beispielsweise in recht kurzer Zeit vollzogen, und niemand hat sich in Deutschland für den Erhalt von Videotheken stark gemacht. In der U-Bahn schauen mittlerweile 80 Prozent der Fahrgäste so intensiv in ihr Smartphone, dass sie mitunter das Aussteigen vergessen. Also Skepsis sieht für mich anders aus. Die Menschen nutzen modernste Digitaltechnik für ihre Bedürfnisse, eine Technik, die gerade mal zehn Jahre alt ist. Und sie nutzen diese Techniken in übergroßer Mehrheit ohne Angst oder Bedenken. Was wollen wir denn mehr?

Fragen wir die Wissenschaft. Vor einigen Jahren wurde an der Universität Stuttgart eine Untersuchung zum Thema „Wie aufgeschlossen sind die Deutschen gegenüber der Technik?“ durchgeführt. Mich hat das Ergebnis nicht überrascht: „Es gibt keine generelle Technikfeindlichkeit in Deutschland, wie vielfach in der Presse behauptet. Vor allem in Hinblick auf Konsumtechnik und Technik am Arbeitsplatz sind die Deutschen eher technikfreundlich.“ Die so oft zitierte „Technikfeindlichkeit“ ist demnach in Deutschland sogar geringer ausgeprägt als in den meisten anderen europäischen Ländern. Und erst im letzten Jahr hat die Bitkom in einer repräsentativen Umfrage nach der Einstellung speziell zu digitalen Technologien gefragt; das Ergebnis: „79 Prozent der Befragten geben an, digitalen Technologien grundsätzlich positiv gegenüberzustehen.“‘

Die deutsche Technikfeindlichkeit ist nach meiner Überzeugung ein Vorurteil, das durch jahrzehntelange Wiederholung nicht richtiger wird. Oft ist sie nicht mehr als eine bequeme Ausrede für Lösungen, die für die Menschen doch nicht so gut funktionieren, wie sich ihre Erfinder und Hersteller das einbilden. Wenn wir den Menschen Technik zur Verfügung stellen, deren Nutzen für sie, ihre Arbeit und ihr tägliches Leben ihnen selbst einleuchtet, dann sind sie auch nicht skeptisch – siehe Smart­phone. Ich bin überzeugt: Wenn wir unseren Job richtig machen, sind sie auf unserer Seite.

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