Wir haben ja schon Morgen

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Digitale Transformation lässt sich auf einen einfachen Nenner bringen: Im Kern geht es um die Wettbewerbsfähigkeit in einer künftigen „hyper-digitalen Welt“, wie sie die aktuelle Studie von Dell Technologies, der Digital Transformation Index (DTI), prognostiziert. Anwender haben in einer solchen Welt die höchsten Anforderungen; wirtschaftliche Grenzen sind weitgehend gefallen, so dass jedes Unternehmen beliebige Märkte adressieren kann – gleichzeitig aber auch mit immer mehr Konkurrenten in den Ring steigen muss; Innovation spielt in der hyper-digitalen Welt eine noch wichtigere Rolle; und es gibt ganz neue Herausforderungen, mit denen sich die Märkte bislang, wenn überhaupt, nur am Rande beschäftigt haben – Klimawandel und Ressourcenknappheit zum Beispiel. Unternehmen tun gut, diese künftigen Parameter in ihr Kalkül einzubeziehen.

Allein: so „künftig“ sind sie gar nicht, diese Parameter. Ähnlich der nach-mitternächtlichen Erkenntnis „oh, wir haben ja schon Morgen“, die keinem von uns fremd ist, haben auch die Märkte „schon Morgen“. Tatsächlich haben alle oben genannten Veränderungen bereits begonnen, egal, ob gesteigerte Anwenderforderungen, härterer Wettbewerb oder Klimawandel. Es ist also nicht so, dass wir bei der hyper-digitalen Welt über eine abstrakte Zukunft sprechen: Wir sind längst mittendrin! Die Entwicklung findet auch nicht sprungartig statt (heute versus einem undefinierbaren Morgen), was vielen Aufschiebern vielleicht gefallen würde, sondern inkrementell: mit jeder Sekunde gewinnt die Digitale Gesellschaft an Konturen. Diese schleichende Entwicklung ist für viele nicht greifbar.

Die Aufschieber und Zauderer sollten sich Albert Einsteins Zitat „Ich denke nie an die Zukunft, sie kommt früh genug“ ans Herz legen. Oder, noch besser, abwandeln: „Ich denke nie an die digitale Zukunft, sie ist schon längst da, und wenn ich nicht sofort Maßnahmen ergreife, büße ich sehr schnell meine Wettbewerbsfähigkeit ein.“ In Deutschland, so Dells DTI, zählt nur rund ein Viertel aller Befragten ihr Unternehmen zu den Vorreitern und Umsetzern der Digitalen Transformation, die anderen fast 75 Prozent lassen sich Zeit – die sie eigentlich gar nicht haben.

Bei dieser hohen Quote von digitalen Nachzüglern und (immer noch) Evaluierern wundert es nicht, dass die Hälfte aller Unternehmen den Anforderungen ihrer Kunden in fünf Jahren kaum noch gerecht werden wird, so die DTI-Befragten. Zudem werden viele auch nicht mehr in der Lage sein, in ihren Märkten als glaubwürdige und verlässliche Partner aufzutreten, weil sie technologisch ins Hintertreffen geraten sein werden.

An dieser Stelle lohnt sich ein Blick in den Global Competitiveness Index 2018 des Weltwirtschaftsforums. Dort sind die wettbewerbsfähigsten Länder gelistet, allen voran die USA und Singapur, gefolgt von Deutschland, der Schweiz und den üblichen Verdächtigen. Der Schluss liegt nahe, dass diese Industrienationen am umfangreichsten und schnellsten in die Digitalisierung investieren, schließlich verfügen sie über das meiste Know-how und die größten Budgets.

Weit gefehlt. Laut DTI führen Indien, Brasilien und Thailand die Liste der Digitalisierungs-affinsten Länder an. Zählen sich in Deutschland 27 Prozent der Unternehmen zu den Vorreitern in diesem Umfeld, sind es in Indien zum Beispiel 45. Wer hätte das gedacht: Schwellenländer machen vor, wie Digitalisierung geht!

Mir ist bewusst, dass in vielen dieser Länder lockere Datenschutz- und sonstige regulatorische Vorschriften den Umbau der Wirtschaft weniger hemmen als die strengen deutschen und EU-Gesetze; Tatsächlich gehören Datenschutz, Datensicherheit und gesetzliche Vorgaben zu den größten Hürden hin zur Digitalisierungsreife. Dennoch sei die Frage gestattet: Führen Indien und Thailand in der hyper-digitalen Welt die Liste der wettbewerbsfähigsten Länder an, weil sie sich schon heute nicht nur viel intensiver mit der Digitalisierung beschäftigen, sondern auch zahlreiche konkrete Projekte zielstrebig umsetzen?

Dass Deutschland von den Schwellenländern digital abgehängt wird – So weit wird es vermutlich nicht kommen. Aber vielleicht ist das Szenario trotzdem ein zaghafter Weckruf für das eine oder andere deutsche Unternehmen. Die deutsche Wirtschaft sollte sich die Verve der Schwellenländer zum Vorbild nehmen.

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